Zähneknirschen als Notausgang des Nervensystems

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Zähneknirschen als Notausgang des Nervensystems 

Ein Gastbeitrag von Annette Müller (Physiotherapeutin)

Herzlichen Dank liebe Annette für deinen Beitrag.

Du als LeserIn fragst dich vielleicht wieso ich einen Beitrag veröffentliche, bei dem es um Zähne geht? Zähne haben, wie du weißt, viel mit Ernährung zu tun, wenn es um das gründliche Kauen geht. Schau dir mal die Liste der Symptome von Zähneknirschen an, dann verstehst du wie wichtig es für dein Wohlgefühl und auch dein Wohlfühlgewicht ist, dass du nicht mit den Zähnen knirschst!

Annette Müller: Zähneknirschen als Notausgang des Nervensystems

Wurdest du bei einem Zahnarztbesuch auch schon von der Aussage überrascht, dass du wohl nachts mit den Zähnen knirscht? Oder umgekehrt: du hast körperliche Symptome, für die sich keine organische Ursache finden lässt? Fühlst dich angestrengt und wie neben der Spur, obwohl du dir wirklich Mühe gibst schon vieles „richtig“ zu machen?

Die Dynamik rund um das Kiefergelenk ist sowohl von den Ursachen her als auch von den Auswirkungen sehr komplex.

Zur besseren Überschaubarkeit möchte ich zunächst einmal die Symptomatik beschreiben:

Der medizinische Fachbegriff für diese Problematiken rund um das Kiefergelenk lautet: Cranio- Mandibulären- Dysfunktion (im Folgenden als CMD bezeichnet). Übersetzt heißt das Kopf-Unterkiefer-Fehlfunktion – also ein sehr allgemein gefasster Begriff.

Die CMD ist ein Überbegriff für strukturelle, funktionelle und psychische Fehlregulation der Kaumuskel- oder Kiefergelenkfunktion, die sich in vielen Fällen auf andere Körperfunktionen auswirkt.

Häufig zeigt sich ein komplexeres Beschwerdebild mit sich vielfältigen Symptomen und Ursachen.

Die Häufigkeit der CMD liegt bei 80 Prozent der gesamten Bevölkerung in Deutschland, wobei nur 20 Prozent von massiven Beschwerden betroffen sind. Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer, was sich durch psychosoziale Belastungen und geschlechtsspezifische Verarbeitungsmechanismen erklären lässt.

Symptome und Folgen der CMD

Die Symptome sind individuell und vielfältig. Typische Symptome der CMD sind:

  • Eingeschränkte Kieferöffnung
  • Knacken und Reiben der Kiefergelenke beim Öffnen und Schließen
  • Zahnlockerungen, Zahnwanderungen, unerklärliche Zahnschmerzen
  • Ausstrahlende Schmerzen in Mund, Gesicht, Kopf, Nacken, Schulter oder Rücken
  • Eingeschränkte Kopfdrehung
  • Rezidivierende Wirbelblockaden und Blockaden der Iliosacralgelenke
  • Sehstörungen
  • Tinnitus u.a. Ohrprobleme
  • Schwindel
  • Schluckbeschwerden, Schmerzen im Schlundbereich
  • Morgendliche Verspannungen und Schmerzen
  • Magenschmerzen
  • Psychosomatische Symptome wie Erschöpfung, Nervosität, depressive Verstimmung, Schlafstörungen.

Ursachen der CMD

Die Ursachen der CMD lassen sich in körperliche und psychische Faktoren unterscheiden, wobei es gerade Teil der Dynamik einer CMD ist, dass sich die Faktoren gegenseitig durchdringen.

Zu den körperlichen Ursachen zählen Zahnfehlstellungen und Bissfehlstellungen durch Zahnextraktionen, Kieferregulation, Füllungen oder Kronen.

Mit strukturellen Veränderungen der Kiefergelenke selbst geht oft eine Bewegungseinschränkung des Kiefergelenkes und Knack- und Reibegeräusche einher. Diese Patienten haben häufig Kiefergelenkschmerzen, die zunächst als Ohrenschmerzen interpretiert werden.

Bedingt durch heutige Arbeitsbedingungen ist immer wieder eine Überlastung der Schulter-Nacken-Region durch einseitige körperliche Belastungen und Haltungsstörungen in Kombination mit Stress ein gravierender Faktor im CMD- Geschehen. Unfälle, auch wenn sie vielleicht schon in der Kindheit waren oder objektiv und subjektiv nicht als problematisch eingestuft wurden, können die Körperstatik und somit auch die Kieferstellung nachhaltig stören. Dieses gilt insbesondere für ein Schleudertrauma.

Die psychische Dynamik der CMD ist meistens sehr zentral. Der Kiefer wird als „Bewältigunsorgan“ genutzt, was durch das Ausüben von Parafunktionen zum Tragen kommt.

Unter Parafunktionen werden langanhaltende unphysiologische Belastungen auf das Kiefergelenk durch erhöhten Muskeltonus der Kaumuskulatur verstanden. Parafunktionen sind eine nicht von der Natur vorgesehene Tätigkeit der Kaumuskulatur wie z. B. Bruxismus (das Knirschen, Pressen oder Reiben der Zähne), Nägelbeißen oder Kauen auf den Wangeninnenseiten zur Stressbewältigung.

Oft sind diese Mechanismen unbewusst und kommen häufig nachts zum Tragen, was die morgendliche Verschlimmerung der Beschwerden erklärt.

Kann ich selbst feststellen, ob ich von der Problematik betroffen bin?

Ja und nein!

Der Schlüsselmoment in der CMD ist das Zusammenspiel der Faktoren. Und die Schlüsselfrage ist immer: Beeinflusst der Kiefer den Körper oder bewirken langanhaltende körperliche Schmerzen die Anspannung im ganzen System, die dann zum Zähneknirschen führt?

Mir begegnet zum Beispiel sehr häufig, dass PatientInnen seit Jahrzehnten schwere Kopfschmerzen oder Migräne haben und noch nie wirklich nachhaltig und gezielt behandelt wurden. Schlafstörungen sind ein weiteres Beispiel dafür, dass die Ursache des Knirschens eigentlich woanders liegt.

Wenn einige von den Anzeichen aus der Symptomliste zutreffen, möchte ich empfehlen, auf jeden Fall mit einem Zahnarzt ihres Vertrauens Rücksprache zu nehmen. Aber bitte trotzdem nicht sofort voll und ganz auf das Pferd „CMD“ aufspringen, sondern sich zunächst einmal einen Überblick verschaffen. Und auch die Unterstützung von einer HausärztIn, HeilpraktikerIn, PhysiotherapeutIn, PsychologIn einbeziehen.

Die Hauptursache für Zähneknirschen ist Stress

Der Umgang damit braucht nachhaltige Selbstfürsorge, die Idee, dass es auch möglich ist, etwas zu verändern.

Die gute Nachricht ist: alles, was den Kiefer entspannt, entspannt auch den ganzen Körper!

Es lohnt sich also, mal mit deinem Kiefer ins Gespräch zu kommen! 

Dabei unterstütze ich dich gerne!

Annette Müller
Praxis Körperperspektiven
Ganzheitliche Physiotherapie und
osteopathische Techniken im Dialog
c/o Praxis Hoffmann/ Otterstedt
Friedrich-Karl- Straße 21, 28205 Bremen
0151 20235679
www.koerperperspektiven.de
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