Alles roh oder doch lieber den Kochtopf rausholen?

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Alles roh oder doch lieber den Kochtopf rausholen? Eine Frage, die immer wieder sehr kontrovers diskutiert wird und viele verunsichert. Von Hardcore-Rohköstlern hört man Sätze wie: „Rohkost ist ja so was von gesund, das einzig Wahre! Und das ganze gekochte und verarbeitete Essen kannst du schlichtweg vergessen.“ Es wird dann mit dem Verlust von Vitaminen und Enzymen beim Kochen argumentiert. Zudem hast du bestimmt auch schon von Menschen gelesen, die mit Rohkost schwere Krankheiten besiegt haben.

Verträgt jeder Magen rohe Kost?

Bitte lass dich dadurch nicht zu dem Trugschluss verleiten, dass du grundsätzlich so viel wie möglich roh sprich ungegart/-gekocht konsumieren solltest. Hier solltest du genauer hinschauen. Wir sind Menschen und keine Maschinen! Erstens ist jeder Verdauungstrakt anders: der eine Mensch hat einen „Pferdemagen“ und der andere einen „Mimosendarm“. Letzterer nimmt zu viel Rohkost sehr übel, und dieser Mensch hat auch nichts von den wertvollen Inhaltsstoffen, weil er sie nicht richtig verdauen und aufnehmen kann.

Zweitens kann man manche Nahrungsmittel roh gar nicht essen. Wie zum Beispiel Kartoffeln und Bohnen – letztere enthalten sogar giftige Stoffe (Lektine), die erst durch den Kochvorgang unschädlich gemacht werden. Zudem wird auch die Kartoffelstärke erst beim Kochen aufgeschlossen.

Dein Alter spielt eine Rolle

Auch spielt dein Alter durchaus eine Rolle. Du wirst es vielleicht schon selbst gemerkt haben, dass sich mit zunehmendem Altern nicht nur der Geschmack, sondern auch die Verdauung verändert. Konnte ich früher einen rohen Salat zum Mittagessen recht gut vertragen, liegt er mir heute mit allen Konsequenzen – wie Blähungen und Völlegefühl – lange und unangenehm in meinem Verdauungstrakt. Zudem fühle ich mich nach einem solchen Mittagessen oder Abendbrot müde und schlapp.

Deswegen bin ich inzwischen auch so ein Fan von „gekochten“ Salaten, die Italiener nennen es Antipasti – geworden. Gekocht heißt allerdings nicht verkochen oder tot kochen wie ich es auch gerne nenne. Hier reicht es schon Gemüse wenig zu dünsten. Oder eine Kombination aus gekochten und rohen Anteilen in einen Salat, ein Gericht, zu bringen. Ganz wichtig sind hier frische Kräuter und bittere Salate wie Chicorée, Radicchio oder Rucola, die du über den Salat oder auch jedes gekochte Gericht streuen kannst. Damit bekommt deine Mahlzeit den notwendigen Kick an Enzymen, Vitaminen, Mineralstoffen etc..

Kochen als entscheidender Faktor für die Menschheitsgeschichte

Ein weiterer Punkt, der dir zu denken geben sollte, ist das unsere Vorfahren sich schon vor gut 1,9 Millionen Jahren die Mühe gemacht haben und ihre Nahrungsmittel gekocht haben. Das haben sie bestimmt nicht nur gemacht um etwas Warmes in den Magen zu bekommen. Oder gar weil sie zu viel Zeit hatten :-). Die Nahrungsaufnahme im „Vorbeigehen“, sprich es wurde gegessen, wenn man zufällig am Wegesrandes etwas fand war da doch erheblich weniger aufwendig. Wieso haben sich unsere Vorfahren also die Mühe gemacht  Erdgruben auszuheben oder Feuerstellen aus Stein zubauen. Aufwendig ein Feuer zu machen und dieses kostbare Feuer dann auch in Gang zu halten, denn Streichhölzer gab es noch nicht.

Chris Organ, Forscher der Universität Harvard sagt:  „Der Mensch ist das einzige Tier, das gekochte oder anderweitig verarbeitete Nahrung aufnimmt“ und zählt diese Tatsache zu den besonderen revolutionären Fortschritten in der Geschichte der Menschheit. Die Forscher gehen davon aus, dass das langfristige Überleben des Homo sapiens allein durch Rohkost fraglicher gewesen wäre, denn durch das Kochen mussten unsere Vorfahren weniger Zeit mit der Nahrungsaufnahme verbringen und konnten gleichzeitig kalorisch höherwertigen Mahlzeiten zu sich nehmen. 

Die thermische Veränderung der Nahrungsmittel brachte schon damals eine Menge günstiger Effekte, etwa eine bessere Verdaulichkeit der Nährstoffe und das Abtöten von vielerlei Keimen und Parasiten. Die Vorratshaltung von Nahrungsmitteln wurde dadurch überhaupt erst möglich. Ein Vorgang der letztendlich auch zu unserer Esskultur führte.

Zudem geht eine chemische Veränderung der Nährstoffe und Lebensmittel mit dem Kochen (vom lateinischen „coquere“ = kochen, sieden, reifen), einher. Eiweiße gerinnen, Fette verflüssigen sich und unzählige Aromastoffe werden durch die Hitze erst freigesetzt.

„Auch in Deutschland begann sich in früher Vorgeschichte, vor rund 150.000 Jahren, der mittleren Altsteinzeit, die gesamte Esskultur durch das Zubereiten von Mahlzeiten allmählich zu verändern“, schreibt Professor Gunther Hirschfelder vom Institut für Volkskunde der Universität Bonn, in seinem Buch „Europäische Esskultur – Geschichte der Ernährung von der Steinzeit bis heute.“

Das Kochen also ist ein entscheidender Faktor gewesen, durch den die Evolution des Menschen einen Schub bekommen hat. Erst später brachte Sesshaftigkeit den frühen Menschen in Europa weitere Entwicklungsschübe. Durch die Entstehung von dauerhaften Siedlungen wurde wir von Jägern und Sammlern zu Getreidebauern.

Bleibt also die Frage wieso sich die Menschen schon vor Jahrmillionen unter solch beschwerlichen Umständen die Mühe gemacht haben ihre Nahrung zu kochen. Sie haben es gemacht, weil sie instinktiv gemerkt haben, dass ihnen der Großteil der Lebensmittel gekocht erheblich besser bekommt. Und das hat sich bis heute nicht geändert.

Ist die rohe oder gekochte Karotte gesünder?

Unser Urahnen wussten noch nichts von Vitaminen und Mineralstoffen. Heute wissen wir, dass wer wie ein Hase an der rohen Karotten knabbert von dem Betacarotin darin fast nichts hat. Übrigens bringt auch der Tropfen Öl, also das Fett, im frisch gepressten Karottensaft da nicht viel. Das Betacarotin wird erst durch das Zerkleinern und Kochen der Karotten aufgeschlossen. Da staunt der Rohkostfan: Knabbert er seine Karotte roh, nimmt er gerade mal ein Prozent des Betacarotins auf, würde er sie jedoch gekocht zu sich nehmen, wären es immerhin 30 Prozent. Ähnlich ist verhält es sich mit dem Lycopin in der Tomate, das kann im Körper seine antikarzinogene Wirkung erst im gekochten Zustand optimal entfalten. 

Frische Kräuter

Wichtig ist auch zwischen frischer Kost und roher Kost zu unterscheiden. Ein Blattsalat, der drei Tage im Kühlschrank vor sich hinwelkt, ist zwar immer noch roh, aber nicht mehr besonders reich an Inhaltsstoffen. Und, wie schon erwähnt, die frischen Kräuter nicht vergessen!

Sie erhöhen den Genuss und die Bekömmlichkeit deiner Mahlzeit und unterstützen deine Verdauung positiv. Frische Kräuter bitte nicht mitkochen, sie verlieren ihr Aroma und die Vitamine. Kräuter daher immer erst kurz vor dem Essen dazugeben. Ich stelle hierfür eine kleine Schalen mit frischen gehackten Kräutern auf den Tisch und jeder darf sie sich über sein Essen streuen. Anders verhält es bei den mediterranen Kräutern wie Rosmarin, Thymian und Oregano, die solltest du mit kochen. Diese Kräuter entfalten erst beim Erhitzen ihre antioxidativen Eigenschaften und entwickeln ihr Aroma durchs Kochen besonders gut.

Ist Rohkost nun zu empfehlen oder nicht?

Es heißt es auch, im Sommer soll die kühlende Kraft des Körpers, die wie ein Thermostat funktioniert, bewahrt werden. Dafür solltest du nichts, was direkt aus dem Kühlschrank kommt, essen oder trinken und auch den Anteil an Rohkost nicht unnötig erhöhen. Die Natur stellt dir saftiges Obst und wasserreiche Gemüsesorten zur Verfügung. Beide kühlen den Körper und befeuchten ihn zusätzlich, kompensieren so den Flüssigkeitsverlust durch das Schwitzen. 



Folgende Empfehlungen bringen dich gut durch die heißen Sommertage

Im Sommer haben Gurken, Tomaten, Radieschen, Rettich und Zucchini, Staudensellerie und Paprikaschoten Saison, die dem Körper genügend Flüssigkeit zur Verfügung stellen und zusätzlich eine kühlende Wirkung haben. Du musst deshalb aber nicht zum Rohköstler werden: Auch gekocht oder gedünstet behalten die Gemüse noch ihre kühlende Wirkung. Denn ein übermäßiger Anteil an Rohkost, belastet auch im Sommer unseren Körper, sprich unsere Verdauung unnötig.

Grille bei dem nächsten Grillabend Gemüse oder mache gleich einen Salat daraus

Genieße an einem heißen Sommerabend eine leicht verdauliche Suppe (Gazpacho)

Verwende reichlich frische Sprossen und Kräuter

Iss nur reifes, heimisches Obst wie frische Beeren, Kirschen, Pfirsiche, Aprikosen und vieles mehr

Verkoche dein Gemüse nicht, sondern verwende es knackig gegart/gedünstet z.B in einem schnellen WOK-Gerichte

Sommerzeit ist die Zeit des Überflusses an herrlichem Obst und Gemüse. Genieße diese Zeit der Vielfalt ohne Reue und tue deinem Körper gleichzeitig etwas Gutes!

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